work in progress - Berlin
ensemble für gegenwartsmusik
Pressestimmen
Mehrdimensionale Kontinuität
Kompositionsaufträge von work in progress - Berlin an Silvia Fómina
Uraufführungen in der Berlinischen Galerie, 28. November 2010
Aus Höreindrücken musikethnologischer Forschungen und Reisen, die Fómina u.a. zu den Pygmäen des zentralafrikanischen Regenwalds sowie nach Südostasien führten, entwickelte sie die Idee einer „mehrdimensionalen Kontinuität”, die durch polyrhythmische Überladerungen entsteht. Diese zeigten sich auch in den beiden Uraufführungen mit dem Ensemble work in progress - Berlin, das Gerhardt Müller-Goldboom einstudiert hatte. Segmente folkloristischen Materials aus Zentralasien, kaleidoskopisch gefiltert, schimmerten durch in dem kurzen Stück „Seidenstrasse”. In „Angehaltene Zeit” für Stimme, Trompete, Posaune, Violoncello, Akkordeon, Perkussion und Zuspielung (2010) verwendete Fómina Elemente aus Flamenco, arabischem sowie sephardischem Judentum. Dieses Vokalwerk ist für den spanischen Flamenco-Sänger José Parrondo entstanden und thematisiert recht eigentlich das Lebensgefühl der 1980er Jahre: „Man muss barfüßig gehen / nackt fliehen / wie ein Flüchtling ohne Ziel / um nie verloren zu sein”.
Walter-Wolfgang Sparrer, Neue Zeitschrift für Musik, Januar 2011
Kühne Bilder zu den Tragödien des Hörens
Deep Blue schlägt uns alle
Sieg der künstlichen Intelligenz über den menschlichen Verstand: Das Berliner Radialsystem zeigt Mark Andres grandioses Musiktheater „22,13“
Spieltechnisch ist das Werk mehr als anspruchsvoll. Dem von Gerhardt Müller-Goldboom geleiteten Berliner Ensemble work in progress und den Mitarbeitern des Freiburger Experimentalstudios gelnag eine fabelhafte Aufführung, die jener der Uraufführung an Präzision und Einfühlungsvermögen noch überlegen war.
Julia Spinola, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19. 1. 2010
Kühne Bilder zu den Tragödien des Hörens
Ein Konzert des Ensembles „work in progress - Berlin“ beleuchtete die fruchtbare Zusammenarbeit Luigi Nonos mit Emilio Vedova
Selten aber haben Maler und Musiker so konkret aufeinander Bezug genommen wie die Freunde Emilio Vedova und Luigi Nono. Aspekte ihrer langjährigen fruchtbaren Zusammenarbeit vermittelte Gerhardt Müller-Goldboom mit seinem Ensemble „work in progress“ im Rahmen der Retrospektive, mit welcher die Berlinische Galerie den venezianischen Maler und Bildhauer gut ein Jahr nach seinem Tode würdigte. ...Fragmentarisch, dem Uneindeutigen verpflichtet auch die Ästhetik von „Guai ai gelidi mostri“ (Wehe den kalten Ungeheuern) für zwei Altistinnen, Instrumentalensemble und Live-Elektronik, im Vorfeld zu „Prometeo“ entstanden,...zeigt sich in der Komposition als verhaltenes, fragiles, hochgefährdetes Klanggespinst: Fast unmerklich, nur klangfarblich wahrnehmbar sind die Stimmen von Dorothe Ingenfeld und Ulrike Bartsch, von Live-Elektronik zum imaginären Chor aufgefüllt, in den Gesamtklang eingebettet, aus dessen zart diffusem Brodeln scharfe Trompetenlinien, knirschender Bogendruck der Streicher, röchelnde Tuba und schwarzleuchtend unterlegte Bassklarinette hervortreten. Aufschreie, heftige Akzente tragen zur Strukturierung dieses gestauten Klangflusses bei, dem Quinten und Quarten, Atemgeräusche und Naturtöne etwas Archaisches geben. An Sensibilität und Nuancenreichtum ist das nicht zu überbieten...
Zwischen diese „Hör-Visionen“, deren Komplexität sich nur erahnen ließ, hatte Müller-Goldboom zur Ehrung beider Künstler Nonos „Sarà dolce tacere“ für acht Vokalsolisten (1960) gestellt. ...die strenge spröde Schönheit dieser extrem gelagerten Gesänge, die das Vocalconsort Berlin mit hohem Engagement bewältigte, ließ den leidenschaftlichen, manchmal fast gewalttätigen Gestus ... umso mehr hervortreten.
Isabel Herzfeld (neue musikzeitung Mai 2008)
weitere Auszüge
...Bussotti wieder zu entdecken, haben wir gesagt, ist eine Tat...In diesem Sinn zogen auch viele der Instrumentalstücke unterschiedlicher Charaktere und Besetzungen, kompetent gespielt vom Ensemble work in progress - Berlin unter der Leitung Gerhardt Müller-Goldbooms, vor unserer Wahrnehmung vorbei...
Klaus Georg Koch (Berliner Zeitung)
... in der Wiener Secession das Ensemble work in progress - Berlin unter der Leitung des Pianisten, Komponisten und Dirigenten Gerhardt Müller-Goldboom... mit Transparenz, vielschichtiger Dynamik und einem präzisen Gefühl für spannungsreiche Einsatzfolgen ... regelrechte Charakterstudien von Tempi, sodass die Komposition einen ganz freien, spontanen Geist atmete ... Für das Bewußtmachen unserer musikalischen Gegenwart aber war dies ein eminent wichtiger Abend.
Laszlo Molnar (Der Standard, Wien)
Es ist ein Glücksfall ... Gerhardt Müller-Goldboom leitete Boulez´ „Marteau sans maître”. Das intellektuelle Vergnügen an Boulez´ strengem und doch emotional wirkungsvollen, 1957 komponiertem Schlüsselwerk wurde noch verstärkt...
Das Orchester, Mainz
”NAHT (yo no pido a la noche explicaciones)” von Philipp Maintz, ein vor allem eingangs faszinierendes Stück, in dem Kreisen zitternder und brüchiger Linien um eine Tonhöhe. Diese ständige Gefährdung des melodischen Zusammenhangs, wie sich eine Stimme durch Heiserkeit und Versagen hindurch behauptet, war als Gegenposition zum Cage'schen Punktualismus besonders erhellend. Den Abschluß machte Tristan Murails „La barque mystique”, das stark ornamental und unruhig wirkte....ein Ensemble, dem man weitere Förderung für kontinuierliche und ernsthafte künstlerische Arbeit wünscht.
Wolfgang Fuhrmann (Berliner Zeitung)
Ein musikalischer Höhepunkt des Festivals waren zwei Retrospektiven am zweiten Abend. Das von Gerhardt Müller-Goldboom geleitete Ensemble work in progress - berlin brachte in einem Morton Feldman gewidmeten Porträt Werke aus den frühen sechziger Jahren zu einer durch Konzentration, Klangsinn und hohes interpretatorisches Niveau überzeugenden Aufführung.
Carsten Häcker (Positionen)
Bereits sechs Jahre ist er alt, dieser Live-Mitschnitt des Berliner work in progress - Ensembles - doch besser spät als nie. Denn mit Jakob Ullmanns halbstündiger Komposition à 9 - Palimpsest ... ist nun ein substanzielles Stück neuer Ensemblemusik zugänglich: weitgehend monoton (im Wortsinn) in der Behandlung der Singstimme..., hypernervös und vielfach am Rande des Klanglichen in der Instrumentalbehandlung, und bei allem Detailreichtum doch einem großen gemeinsamen Spannungsbogen unterworfen. Unerwartet zart und filigran das frühe Hespos-Werk einander-bedingendes..., in dem solistische Aktionen kollektive Reaktionen provozieren; klanglich reizvoll mit seinen trocken perlenden Timbres bruno Madernas Serenata per un satellite...
pnw (Dissonanz)
Wie Cy Twombly auf weißen Flächen ausgelöschte, geheimnisvolle Zeichen hinterließ, so schafft auch diese Musik Raum um sich, um den reinen Klang wirken zu lassen ... Bei Feldman treibt der Zuhörer an der Oberfläche der Klänge, er braucht keinen Tiefgang, sondern findet die größte Freude am Farbenspiel der Instrumente, die er sonst niemals so intensiv wahrgenommen hätte: Gewiß ist dies die reine Regression: Es war so schön, dass man über die Schlichtheit selig hätte weinen mögen.
Bernd Feuchtner (Der Tagesspiegel)